Nachdem im Herbst 2018 das Sturmtief „Vaia“ den Mittelmeerraum mit seinen Orkanen in Atem gehalten hatte, wirkte die anschließende Stille an den Lagunen von Porto Botte an Sardiniens Westküste fast schon unwirklich.
Ganz zögerlich setzten nach und nach wieder Geräusche von Vögeln, knarrenden Fischerboten und das Rauschen des Meeres ein – eine perfekt orchestrierte Sinfonie, in deren Rhythmus der einsame Reisende feierlich mit einstimmte um die beruhigende Sicherheit eines wieder ganz normalen Abends zu feiern.

Aiko Czetö

Am Schreibtisch sitzend, denke ich an längst vergangene Kindertage. Ich denke an unbeschwerte Zeiten, die ich auf Spiel- und Fußballplätzen verbrachte; mit Freunden baute ich Baumhütten; gemeinsam unternahmen wir Erkundungstouren mit dem Fahrrad und erlebten Naschorgien in den Obstgärten der Nachbarn. Hin und wieder hockte ich auch vor dem Fernseher und sah begeistert – in Schwarzweiß – die erste Science-Fiction-Serie, die mit folgenden Sätzen begann: „Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise …“ Diese Worte hörte ich erstmals im September 1966, als die amerikanische Weltraumserie über den Bildschirm flimmerte, und ich mit leuchtenden Augen die Abenteuer von Captain Kirk, Commander Spock und Dr. McCoy atemlos verfolgte. Ich war damals zwölf Jahre alt und wurde völlig unvorbereitet mit dem Begriff „Unendlichkeit“ konfrontiert. Die Vorstellung, dass es hoch über mir einen Raum ohne Ende gab, erschreckte mich und zog mich gleichsam in Bann.

Mittlerweile weiß ich, dass die Astronomie die Weite und Tiefe des Sternenhimmels als unendlich ausgedehnten Weltraum definiert. Ich habe das Abstraktum „unendlich“ akzeptiert, doch geblieben ist ein großes Geheimnis, das sich hinter dem Begriff „Unendlichkeit“ verbirgt, von dem wir nur wenig wissen, das aber womöglich ein Teil unserer Geschichte ist. Dass es diese Darstellung gibt, muss mir vielleicht genügen. Statt alles zu wissen, nutze ich die kosmische Unendlichkeit als Projektionsfläche meiner Fantasie, denn es erscheint mir undenkbar, dass all die Entwicklungen und Eigenarten auf unserem Planeten, nur hier auf unserer Erde gelten sollen.

Im Laufe der Jahre habe ich die Schwindel erregende Tiefe des Sternenhimmels und die grenzenlose Weite grandioser Landschaften auf vielen Reisen rund um unseren Planeten hautnah erfahren. Vor allem in den Wüsten der Erde, die ich meist zu Fuß oder per Kamel erkundete, erlebte ich die einsame Unendlichkeit. Und je tiefer ich in die endlosen Einöden eintauchte und meine Ängste vor der menschenleeren Unendlichkeit überwand, desto mehr lüftete sich das Geheimnis der Wüste, das nicht nur in ihrer Abgeschiedenheit, Stille und landschaftlichen Vielfalt liegt, sondern vor allem in ihrer unendlichen Weite. Diese erschreckende, aber auch berauschende Weite öffnete meine innere Enge und bescherte mir eine wunderbare Empfindung: das Glück der Weite.

Niemals hätte ich als Kind damit gerechnet, solche faszinierenden Unendlichkeiten zu erleben, in denen ich Glück, Dankbarkeit und Demut fand. Solche Empfindungen und Eindrücke, die uns vor allem in Kindertagen so sehr staunen ließen, müssen wir unbedingt
in das Erwachsensein hinüberretten; wir dürfen nicht aufhören, Suchende zu sein, wie es unsere Vorfahren waren, sonst verlieren wir eines der größten Wunder des Lebens: die Entdeckerfreude.

Achill Moser

Das neue Buch von Achill Moser ist im dtv-Verlag erschienen:
„Mein Vater, mein Sohn und der Kilimandscharo“. Eine abenteuerliche Reise.