Mein Alphüttli ist gar keines, auch wenn alle es so nennen. Eigentlich ist es ein Maiensäss, auf einer Alp im Simmental im Berner Oberland gelegen und von steilen Mähdern umgeben. Dort hinauf trieben in alten Zeiten die Bauern im Mai ihr Vieh, blieben einige Wochen, bis die Hochalp endlich frei war von Schnee und die mageren Bergwiesen wieder grün. Dann zogen sie weiter und kehrten erst im Spätsommer zurück aufs Maiensäss, um Halt zu machen, bevor es mit Kühen, Ziegen und Schafen wieder ins Winterquartier hinunter ins Tal ging.

Ganz versteckt liegt das Hüttli am Hang. Bis zum nächsten bewohnten Hof ist es eine Dreiviertelstunde zu Fuß. Strom gibt es dort nicht, auch kein fließendes Wasser. Nur einen Brunnen vor der Hütte, eine kleine Küche mit einem verrußten Holzherd, eine Schlafkammer, ein Plumpsklo, hintendran ein leerer Stall und oben der Heuschober. So hat es auch schon vor über hundert Jahren ausgesehen.

Ach, die Schwedin wieder, sagen die Leute im Dorf. Die, die das Alphüttli mietet, dem H. seines.

Ich bin genauso wenig eine Schwedin, wie das Maiensäss ein Alphüttli ist, noch dazu spreche ich Schwiizerdütsch mit deutlichem Zürcher Einschlag. Aber das spielt keine große Rolle. Es ist ohnehin schon merkwürdig genug, dass jemand da oben ist, allein, finden die Leute. Nachts treibt nämlich der alte Knecht sein Unwesen dort, erzählt man sich im Dorf. Also, ich würde mich nicht trauen, schon gar nicht allein, sagen sie.

Ich bin gerne dort oben, auf dem Hüttli, jeden Sommer. Tagsüber wird es noch sehr heiß an den steilen Mähdern, selbst Ende August. Dann blüht das Sumpf-Herzblatt in der Wiese am Bach und weiter oben am Hang steht der Oregano in hellviolett. Nachts riecht es schon nach dem ersten Schnee und fallen die Temperaturen so schroff ab wie die felsigen Hänge ringsum.

Im ersten Jahr schleppe ich noch Bücher mit hinauf, damit die Zeit allein dort schneller vergeht. Aber die Tage sind angefüllt mit Holzhacken, mit Wandern und mit Blaubeerpflücken – zum Bücherlesen komme ich nicht. Ich sammle Körbe voll mit Pfifferlingen und mit Steinpilzen, die sich oben beim Mastweidli zwischen den schweren Felsbrocken verstecken, leere Schneckenhäuser und Hagebutten, die ich auf lange Schnüre auffädle, und stundenlang beobachte ich den Steinadler, wie er an den Hängen kreist.

Uii-uii-uii rufen die Bauern zur Melkzeit, eine Uhr brauche ich nicht, auch nicht beim Wandern. Zurück geht es in Richtung Hüttli, das friedlich daliegt im Nachmittagssonnenschein. Schon von Weitem sehe ich das verwitterte Schindeldach leuchten, während in der leeren Brotdose die gesammelten Schneckenhäuser fröhlich klimpern. Vorbei am blühenden Oregano, das Bächlein entlang und dann ein Stück die Wiese hinunter. Verschwitzt hocke ich wenig später mit den Füßen im eiskalten Brunnen vorm Haus und höre den Kühen zu.

Uii-uii-uii, tönt es aus der Ferne, der Bauer oben auf der Alp melkt immer erst spät. Zeit fürs Nachtessen. Wenn die Gipfel der Gastlosen sich blauschroff am Horizont abzeichnen, sitze ich eingehüllt in eine dicke Wolldecke mit einem Glas Wein und schaue quer über das Tal, jeden Abend. Kein Licht weit und breit, nur auf der gegenüberliegenden Seite schiebt sich ein winziger Punkt über den Bergpass in Richtung Gruyère, bald ist auch er verschwunden. Im Schein der Stirnlampe putze ich mir draußen am Brunnen die Zähne und wage mich ein letztes Mal aufs Plumpsklo, die Tür sperrangelweit offen. Man weiß ja nie.

Drinnen wartet schon eine Wärmflasche im Bett und ich puste die Kerze aus, die im Fenster steht, während die Dunkelheit sich immer näher ans Hüttli schleicht, bis sie es ganz verschluckt hat und mich mit.

Und dann sind wir allein, das Hüttli und ich.

Hundemüde bin ich, aber noch lässt mich die Dunkelheit nicht schlafen. Klopfenden Herzens liege ich wach und lausche angestrengt auf all die Geräusche, eines nach dem anderen. Aber alles klingt wie immer. Der alte Apfelbaum, dessen Zweige bis in die schiefe Regenrinne reichen. Der murmelnde Brunnen vorm Haus. Das letzte Knistern im Küchenofen. Irgendwo weit in der Ferne ein paar Kuhglocken. Dunns! Der klappernde Fensterladen. Wag’ es ja nicht, sage ich laut, für den Fall, dass es dem alten Knecht ausgerechnet heute in den Sinn kommt, auf dem Heuboden sein Unwesen zu treiben. Und irgendwann werden die Glieder schwerer und schwerer und schlafe ich ein.

Dunns!

Senkrecht sitze ich im Bett und taste nach der Stirnlampe. Halb zwei und stockfinster ist es. Und wieder ein lautes dunns! Das ganze Hüttli ächzt und bebt. Ich zünde eine Kerze an und starre raus ins Dunkel, bis mein Puls wieder ruhiger wird. Mit tiefer Baßstimme singt das schwere Gebälk nach der Hitze des Spätsommertags vom Schnee, der bald kommen wird. Im Quintett, mit dröhnenden Stimmen, dehnen die Balken sich aus in der Kälte der Nacht. Fröstelnd und müde krieche ich zurück ins warme Bett, während draußen der alte Apfelbaum noch immer an der Regenrinne rüttelt, der Fensterladen klappert und mich das Hüttli zurück den Schlaf singt.

Gegen vier, direkt unter dem kleinen Fenster der Schlafkammer. Dunns! Hellwach bin ich jetzt und lausche auf das Kratzen draußen am verwitterten Holz. Jede Nacht dasselbe Spiel. Der Marder springt mit einem lauten Rums auf den Balkenvorsprung und hockt dort, eine Stunde lang. Morgen früh werde ich einen Gruß in Form eines länglichen Kothaufens sehen, den er mir hinterlassen hat. Und wie jeden Morgen werde ich den Kaffeesatz aus der Espressokanne draußen auf den Balken streuen, als einen Gruß von mir, damit die kommende Nacht hoffentlich ungestört bleibt. Aber der Marder kennt das Spiel. Bis kurz vor fünf hält er mich wach, eine Uhr brauche ich nicht. Noch anderthalb Stunden Schlaf.

Wenn die Gipfel der Gastlosen anfangen, sich tiefrosa am Horizont abzuzeichnen, ist es halb sieben. Dann wache ich von der Kälte auf. Öffne die schwere Holztür und hole Wasser am Brunnen. Knie frierend in Nachthemd und dicker Strickjacke vor dem alten Holzofen in der Küche, schichte Scheit um Scheit und warte darauf, daß die Espressokanne endlich zischt.

Auf den Matten ringsum glitzert der Raureif, der erste in diesem Spätsommer. Eingehüllt in eine dicke Wolldecke sitze ich wenig später noch reichlich verschlafen mit meiner Kaffeetasse auf der Bank vor dem Hüttli und warte darauf, daß die ersten Sonnenstrahlen über die Wipfel der hohen Tannen reichen und Goldflecken aufs Gras malen, wie jeden Morgen. Uii-uii-uii, tönt es aus der Ferne, der Bauer oben auf der Alp ist zeitig mit dem Melken. Ein schöner Tag wird es werden, einer mit Blaubeerpflücken und Steinpilzesuchen, mit Spätsommersonnenhitze und blauem Himmel.

Wieder eine Nacht, in der der alte Knecht sein Unwesen woanders getrieben hat, nicht hier. Prost! sage ich dankend in Richtung Heuboden, obwohl man mit Espresso nicht prostet. Aber das kümmert weder den alten Knecht noch mich, wir sind ja unter uns, hier auf dem Hüttli.


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Ich bin erst vor einigen Monaten von Schweden nach Erfurt gezogen und hatte gerade angefangen, mich in der Stadt zu Hause zu fühlen, als Treffen mit Freunden plötzlich nicht mehr möglich waren. Der Corona-Lockdown in der neuen und noch nicht ganz vertrauten Umgebung, noch dazu allein, war anfangs nicht so einfach. Als ich einer Freundin am Telefon davon erzählte, sagte sie ”Wenn jemand das aushält, die Einsamkeit, dann doch du, hüttenerprobt wie du bist”. Aber die Einsamkeit ist keine, wenn man sie sich selbst aussuchen darf. Allein bin ich dort oben auf der Hütte ja nicht, trotz der Stille.

Was mir während des Lockdowns hier in Erfurt aber tatsächlich sehr geholfen hat, ist eine klare Tagesstruktur. Auf der Hütte geht es nicht anders. Ohne Holzhacken kein Kaffee. Ohne Essensplanung nicht genug Vorräte im Schrank. Selbst das Wasser am Brunnen muss ich mir dort einteilen, weil die Quelle weiter oben nicht ausreichend hergibt, wenn noch Kühe auf der Weide sind.

In diesem Jahr freue ich mich ganz besonders auf die Berge und hoffe, dass Reisen in die Schweiz dann wieder möglich sind. Wenn ich die schwere Tür zum Hüttli aufsperre und mich der Thymianstrauß vom letzten Jahr begrüßt, das kleine Herz aus getrockneten Hagebutten, wenn der Fensterladen klappert und ich das Feuerholz im Ofen schichte, dann bin ich zu Hause.


Juliane Solvång

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