Der portugiesische Jakobsweg (den ich mit meiner Frau und mit einer Freundin unserer Kirchengemeinde im Oktober 2017 gegangen bin) führt von Porto nach Santiago de Compostela und er ist ungefähr 250 Kilometer lang. Wenn man 20 bis 25 Kilometer pro Tag geht, kann man die ganze Strecke zu Fuß also in ungefähr zwei Wochen bewältigen.

Mir ging es bei dieser Pilgerfahrt aber nicht so sehr darum, etwas zu schaffen oder eine körperliche Leistung zu erbringen. Ich habe es eher als das Gegenteil erlebt: endlich mal frei zu sein von dem Leistungsdruck, der im beruflichen Leben immer da ist. Es ging mir auch nicht einmal darum, das Ziel zu erreichen: man ist einfach unterwegs, das ist der natürliche Modus. Am Anfang ist es anstrengend und ermüdend, aber allmählich vergißt man die Anstrengung, man geht und gerät in eine Art ruhige Euphorie, man erlebt die Dinge und die Umgebung, man öffnet sich für unerwartete Erlebnisse, Einsichten und Begegnungen.

Es gibt unterschiedliche Gründe, warum man eine Pilgerfahrt machen möchte. Im Mittelalter war es meistens eine Äußerung von Buße oder das Erfüllen eines Gelübdes. Heutzutage pilgern viele Menschen, um zu entschleunigen, sich zu erholen, sowohl seelisch als auch körperlich, oder um neue Impulse zu bekommen.

Die Tatsache, dass man einen Weg geht, den viele Generationen von Pilgern gegangen sind, verleiht dem Gang eine besondere Bedeutung: man trifft andere Pilger, denen man ‘Bom Caminho’ wünscht, man holt seine Stempel in den Kirchen und Kapellen mit ihrer langen Geschichte, oder man hält bei den steinernen Kreuzen am Weg, wo Vorgänger Zettel mit ihren Gebetsanliegen hinterlassen haben. Man ist viel alleine mit seinen Gedanken, man meditiert über einen Psalm, ein Lied oder einen Bibelvers, mit dem man den Tag angefangen hat, man betet für einen Menschen, der Hilfe braucht, oder man setzt sich mit einer Frage oder einem Thema auseinander. Eine Pilgerfahrt ist eine besinnliche Sache, man nimmt Abstand vom Alltäglichen und versucht, die Dinge in einer anderen Perspektive zu sehen.

Die Strecke führt von Porto zunächst direkt am Meer der atlantischen Küste entlang, dann biegt der Caminho nordöstlich in die Hügel von Nord-Portugal und Galicien, mit schönen Dörfern, Weinfeldern und Vögelgesang. Da man in nördliche Richtung geht, hat man meistens die Sonne im Rücken, was bei dem sommerlichen Wetter, das wir hatten (25 bis 30 Grad, im Oktober!), sehr angenehm war. Nur am letzten Tag, gerade bei der Ankunft in Santiago, hat der Himmel sich geöffnet und es hat den ganzen Tag kräftig geregnet, so dass wir durch und durch nass in der Kathedrale ankamen. Dort erlebten wir aber einen ganz besonderen Abendgottesdienst, wo alle gerade eingetroffenen Pilger begrüßt und gesegnet wurden, mit, als Apotheose, dem Ritual des Botafumeiros, des versilberten Weihrauchfasses, das an einem Seil von acht Männern gezogen durch das Querschiff der Kathedrale sauste.

Bei der Heimkehr kommt es dann darauf an, an dem Erlebten festzuhalten und es im alltäglichen Leben umzusetzen. Es ist irgendwie ironisch, dass es dazu in der aktuellen Zeit wieder neue Möglichkeiten gibt: die vielfach genannte und von vielen ersehnte Verlangsamung, Verstillung und Vereinfachung des Lebens, zu der wir jetzt im Alltag gezwungen sind und die wir allmählich besser kennen und zu schätzen lernen.

Philip van der Eijk

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