„Mi Casa es tu Casa“. Seit Stunden schon sitze ich unter der kubanischen Vormittagssonne, habe bereits mehrere Brandblasen an den Fingern und ein Ende ist noch immer nicht abzusehen. Die Kakaosamen, die wir, nachdem sie die letzten Tage in der Sonne getrocknet und fermentiert worden waren, heute schon in den frühen Morgenstunden begonnen hatten zu rösten, müssen in noch heißem Zustand mit bloßen Fingern geschält und so von ihrer holzigen Schale befreit werden, um nur die darin versteckte Bohne später zu Kakaopulver mahlen zu können. Immer neue frisch geröstete Samen kommen aus dem Ofen und Marbely und ich sitzen auf der Terrasse vor dem kleinen Holzhaus inmitten der Kakaoplantage und bearbeiten sie.
Währenddessen erzählt Marbely mir von ihrem Leben in der „Boca de Miel“, der „Honigbucht“, einem urwaldartig bewachsenen Stückchen Land am östlichsten Zipfel von Kuba, wo der „Rio Miel“, der Honigfluss, in den Atlantischen Ozean mündet und man sich am Ende der Welt wähnt. Sie spricht von ihren Eltern, die irgendwann die Plantage an sie weitergegeben haben, die sie ihr ganzes Leben lang noch nie verlassen hat, von der genossenschaftlichen Bewirtschaftung des kubanischen Landes, bei der sie 90% ihres Ertrages an den Staat abgibt und 10% selbst behalten kann, erzählt vom Hurrikan „Matthew“ vor vier Jahren, als ihr Haus komplett zerstört wurde und die Natur ihr fast alles nahm, und ihre Hände und das faltige Gesicht zeugen von einem Leben voller harter körperlicher Arbeit und schwieriger Schicksalsschläge. Doch die wachen Augen begegnen mir in diesen Tagen, die ich hier verbringen darf, stets mit großer Herzlichkeit und Wärme und der Satz „Mi Casa es tu Casa“, „Mein Haus ist Dein Haus“, den man auf Kuba so oft hört, scheint bei ihr aus tiefstem Herzen zu kommen.
Später bereiten wir aus dem gemahlenen Kakao mit etwas Mehl, frischen Kokosflocken und Milch eine köstliche heiße Schokolade zu und ich denke, trotz der Brandblasen an meinen Fingern und dem Sonnenbrand auf der Nase, dass dies die Momente sind, für die ich reise.

Mira Bierend

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