Ich bin es gewohnt, viel Zeit auf der Couch zu verbringen. Allerdings nicht auf meiner eigenen wie in diesen seltsamen Tagen, sondern in fernen Ländern als Couchsurfer: Ich wohne für zwei oder drei Tage bei Einheimischen zu Hause, dann geht es weiter in die nächste Stadt, zum nächsten Gastgeber. Derzeit schwelge ich viel in Erinnerungen an diese Abenteuer. Heute führte mich meine Reise im Kopf zurück auf eine besonders dekorative Couch in Peking. Ich wohnte bei einer regimekritischen Künstlerin mit einem sehr eigenwilligen Stil und lernte in drei Tagen mehr über China, als wenn ich 100 Zeitungsartikel über ihr Land gelesen hätte. Von ihr und anderen chinesischen Freunden, die ich auf meinen Reisen kennengelernt hatte, bekam ich schon im Januar einen Einblick, wie dramatisch sich diese Virus-Geschichte entwickeln kann. Viele Chinesen konnten 50 oder 60 Tage am Stück ihre Wohnung nicht verlassen – dagegen ist mein Ärger, gerade nicht zum Frisör zu können, wirklich nicht der Rede wert. Auch ist unser Gesundheitssystem besser als das fast aller Länder, die ich in den letzten Jahren besucht habe. Die Reise-Erinnerungen helfen also nicht nur, die Zeit im Heimexil angenehmer zu gestalten. Sie helfen mir auch dabei, mich jeden Krisentag daran zu erinnern, dass es ein Privileg ist, hier zu leben und nicht woanders.

Stephan Orth

Aktuelles Buch: „Couchsurfing in China – Durch die Wohnzimmer der neuen Supermacht.“

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